Ein wirklich himmlischer Tag (5. September Barcelos – Casa Fernanda)

Der Wein vom Vorabend hat sich ganz schön gerächt. Zumindest bei mir. Als wir aufstanden habe ich die Augen kaum aufbekommen, so schwer war mein Kopf. Vinho Verde halt.

Trotzdem mussten wir weiter. Wir hatten heute so ungefähr 19 Kilometer vor uns. Es erwartete uns ein ziemlicher Anstieg, was mir persönlich nicht so bewusst war. Nun gut, aber die erste Mission war ohnehin Jim aufzuwecken und das erste Café anzusteuern. Gesagt, getan. Jim schlief noch wie ein Baby im Hinterhof und somit vor unserem Fenster. Wir weckten ihn, machten uns fertig und wollten losgehen. Vor der Herberge machten wir noch einige Fotos und machten uns auf zu einem Café, das Mone noch von ihrem ersten Besuch in Barcelos kannte. Dort tranken wir unsere üblichen zwei Kaffee und aßen wie gewohnt ein Croissant, bevor wir – wie immer viel zu spät – endlich loskamen.

Der erste Teil des Weges führte uns aus der Stadt heraus und war nicht besonders schön. Es war auch schon fast Mittag und dementsprechend bereits ordentlich heiß. Wir wollten aber nach neun Kilometern eine ausgiebige Pause in der Herberge in Portela Tamel machen, also ließen wir uns – trotz der Hitze – nicht besonders viel Zeit. Jim ächzte wieder nach den ersten Kilometern. Seine Füße machten ihm ganz schön zu schaffen. Nach nicht allzu langer Zeit überholten wir einmal mehr unsere beiden Damen aus Kanada, die wir schon am Tag zuvor bei Antonio getroffen hatten. Sie waren ganz schön ausgepowert und überlegten, in Portela Tamel zu bleiben oder ein Taxi zu nehmen und zur nächsten Herberge – zu Casa Fernanda – zu fahren. Wir erzählten von unseren Plänen erst nach Portela Tamel zu laufen, dort ausgiebig zu pausieren und dann weiterzulaufen nach Vilar do Corgo, um bei Fernanda und ihrer Familie zu schlafen. Wir hatten einfach so viel gutes gehört, das wollten wir uns nicht entgehen lassen. Die Idee fanden die beiden süßen Damen auch nicht so schlecht und so liefen wir mehr oder weniger gemeinsam zur Herberge in Portela Tamel. Der Anstieg hatte es ganz schön in sich und wir mussten die meiste Zeit auf der Straße laufen, was das Ganze nicht weniger beschwerlich machte.

Irgendwie schafften wir es aber doch auf den Berg und wurden mit einer schönen Herberge, die idyllisch gleich neben einer Kirche gelegen ist, belohnt. Natürlich war mittags noch kaum ein Pilger dort zu sehen und so hatten wir Küche, Badezimmer und den Garten für uns alleine. Und das beste an der Herberge: Sie hatte freies WLAN, was nicht nur wir zu schätzen wussten, sondern auch eine der Kanadierinnen, die plötzlich auch ein iPhone aus der Tasche zog und sich darüber freute mobdro, endlich wieder ins Internet zu kommen. Nachdem wir etwas gegessen hatten, nutzen wir die Gelegenheit, unsere E-Mails abzurufen, Konten zu checken und mit zu Hause Kontakt aufzunehmen. Und dann musste natürlich auch unsere Facebook-Seite gepflegt werden. Glücklicherweise hielt ein falsches Schaf im Herbergsfenster für eine Fotosession her. Gegen 14 Uhr war es dann aber auch an der Zeit wieder aufzubrechen.

Die beiden Kanadierinnen hatten inzwischen beschlossen, sich zu trennen. Clemence wollte noch zu Casa Fernanda laufen und Bibiane zog es vor, sich ein Taxi zu nehmen. Bibiane bot uns noch an, unsere Rucksäcke mitzunehmen, damit wir nicht so schwer tragen müssen, aber irgendwie hatte man sich schon so an das Gewicht gewöhnt, dass wir selbst dieses freundliche Angebot ausschlugen. Sie versprach uns aber dann wenigstens Betten für uns zu reservieren, damit wir uns Zeit lassen können. Dieses Angebot nahmen wir wiederum gerne an. Als wir gerade dabei waren, uns fertig zu machen – immer das gleiche Ritual, bei dem Hirschtalgsalbe und Tape im Spiel waren – kamen schon die ersten Pilger an, die auch die Nacht in Portela Tamel verbringen wollten. Auch zwei Mädels schnauften den Berg hoch. Sie waren ganz offensichtlich Deutsche, das konnte man schon von Weitem erkennen (als deutlicher Indikator dient hier das kleine gelbe Büchlein, auch “der Joos” genannt, welches man entweder in den Händen eines Pilgers oder in einer der diversen Außentaschen am Rucksack ausmachen kann. Mit der Zeit bekommt man ein Auge dafür. Wirklich!). Als sie an der Herberge ankamen, folgte eine etwas überraschende Begrüßung: “Wer von euch ist denn die Sarah?”, fragte eine der Beiden. Ich war völlig perplex und auch Mone war die Überraschung ins Gesicht geschrieben. Dutzende Szenarien schossen mir durch den Kopf. Hatte ich vielleicht in einer der vorherigen Herbergen etwas liegen lassen oder hat jemand von mir erzählt? Wenn ja, wer? Aber die Ungewissheit löste sich bald in Wohlgefallen auf, als Britta sich vorstellte. Ich hatte schon vor der Reise mit ihr geschrieben – sie hatte einen Forumseintrag von mir gefunden und wir haben festgestellt, dass wir gleichzeitig loslaufen. Mit ihr unterwegs war Susann, die sich auch bei uns vorstellte. Es war witzig, dass Britta uns erkannte, da sie sich vorher diesen Blog angesehen hatte. Wir konnten uns aber nicht allzu lange aufhalten, also verabschiedeten wir uns von allen. Wir würden uns sowieso am nächsten Tag in Ponte de Lima wieder sehen. So viel war sicher. Also brachen wir auf. Es war schon gegen 15 Uhr als wir losgingen, es war aber immer noch richtig heiß. Die ersten Kilometer waren noch ganz angenehm, da wir im Wald den Berg wieder ein Stück runterliefen. Dann folgten Feld- und Wiesenwege. Es war ein toller Tag, aber auch am späten Nachmittag knallte die Sonne nur so auf unsere Köpfe hinab. Wir überquerten eine kleine Römerbrücke, die über einen Fluss führte, in dem man auch baden konnte. Leider war die versammelte Dorfjugend auf die gleiche Idee gekommen und so hielten wir uns nicht länger auf und passierten die Badestelle, um dies nur wenige Meter später zu bereuen.

Vor dieser Reise war mir nicht bewusst gewesen, dass Maisfelder eine unglaubliche Hitze abgeben können. Es war ohnehin heiß und von Schatten keine Spur. Man konnte es gerade so aushalten, aber als wir durch ein Maisfeld gelaufen sind, wäre ich fast auf die Knie gegangen. Es war als wäre man in einem Backofen gefangen, nur ohne Umluft und von jetzt auf gleich war keine Luft mehr zum Atmen da. Mone und ich waren gleichermaßen überrascht davon und heilfroh, als wir wieder auf freien Feld waren. Da Casa Fernanda keine offizielle Pilgerherberge ist, waren wir uns unsicher, wie wir dorthin kommen sollen. Wir nahmen unsere Karte und eine Wegbeschreibung – klar, die von Joos – zur Hand und versuchten irgendwie herauszufinden, wie weit wir noch laufen mussten, denn wir waren schon fast am Ende unserer Kräfte und gefühlt hätten wir schon längst ankommen sollen. Vor allem bei Mone ging nicht mehr viel und ich versuchte ständig, ihr gut zuzureden. Wir hatten ohnehin keine Wahl und mussten weiter. Dann war bei Mone Schluss. Sie blieb stehen und sah ziemlich mitgenommen aus. Letztes Mittel: Power-Riegel. Nach dem Notfall-Riegel ging es ihr auch schlagartig wieder besser, aber allzu weit konnten wir nicht mehr laufen. Hätten wir zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass wir nur noch 200 Meter von der Herberge entfernt waren… Natürlich freuten wir uns trotzdem, als wir endlich da waren. Ein Schild wies uns den Weg zum Haus von Fernanda.

Wir liefen durch einen wilden Gemüsegarten und standen plötzlich vor einem süßen Häuschen mit einer überdachten Veranda und einem schönen Gartenhäuschen. Mitten auf der Wiese stand ein Zelt. Ich war neugierig und riskierte einen Blick. Was ich da sah, konnte ich kaum glauben. Im Garten stand tatsächlich ein Himmelbett, das bezogen war und über das ein Partyzelt gebaut wurde. Ich versuchte, Mone darauf hinzuweisen, aber die war damit beschäftigt, sich über unsere Ankunft zu freuen. Clemence und Bibiane begrüßten uns mit einer frisch gekühlten Flasche Bier. Es war der Himmel auf Erden.

Als erstes wurden wir von Mariana – Fernandas Tochter – und ihrer Großmutter begrüßt. Marianas Englisch war richtig gut für eine Zwölfjährige und sie zeigte uns, wo wir schlafen würden. Sie führte uns in ein Holzhaus im Garten, das neun Betten Platz bot. Es war alles unglaublich liebevoll eingerichtet. Alle Betten waren bezogen und jeder Schlafplatz individuell gestaltet. Die beiden Kanadierinnen und wir waren bisher die einzigen Pilger, die an diesem Tag zu Fernanda gefunden hatten Mobdro APK. Mariana erklärte uns auch, dass wir gleich mit der Familie in deren Küche zu Abend essen sollten. Ihre Mutter würde kochen. Wow, das wurde ja immer besser! Wir waren einfach nur glücklich, angekommen zu sein und mussten uns nur noch duschen. Wir brauchten uns heute um nichts zu kümmern. Das war einfach großartig, vor allem nach dieser letzten Etappe. Wir tranken unser Begrüßungsgetränk, duschten und machten uns fertig zum Essen. Als wir in die Küche kamen, war Fernanda schon voll in Aktion, briet Fisch und Fleisch an und begrüßte uns noch nebenbei. Wir setzten uns an den gedeckten Tisch und bekamen Kartoffeln, Salat und eben diesen gebratenen Fisch oder Schweinefleisch serviert. Dazu gab es selbst gemachten Wein von Fernanda und Jacinto, ihrem Mann. Die Familie aß mit uns und wir lernten uns alle gegenseitig kennen. Nach dem Essen wurde es dann richtig gesellig. Wir durften noch Portwein und irgendeinen undefinierbaren Schnaps – wahrscheinlich auch aus Weintrauben – probieren. Die Stimmung war fantastisch und wir verstanden uns prächtig mit Fernanda, ihrer Familie und Clemence und Bibiane. Die beiden Kanadierinnen hatten ohnehin einen Anlass zum Feiern, denn zum ersten Mal wurde in Kanada eine Frau zur Premierministerin gewählt. Die Beiden hatten Tränen in den Augen, als sie davon erzählten. Das war wirklich ergreifend.

Wir tranken also noch ein paar Gläser, bevor Celemence und Bibiane sich verabschiedeten. Auch wir beschlossen, das Gastgeber-Haus zu verlassen und auch der freundlichen Herbergs-Familie noch ein wenig Privatsphäre zu lassen. Sowohl Fernanda als auch ihr Mann mussten am nächsten Tag schließlich zur Arbeit und wir wollten die Gelegenheit nutzen und die selbst gebauten Liegen, die Jacinto aus halbierten Weinfässern gefertigt hatte, belagern, um noch ein wenig den tollen Sternenhimmel anzusehen. Fernanda ließ uns glücklicherweise nicht ohne eine eineinhalb Liter Flasche Wein gehen und so hatten wir noch ein kleines “Betthupferl”. Also gingen wir dankbar mit unserem Schlummertrunk nach draußen. Es war doch schon etwas kühl und nachdem wir etwa ein Stündchen mehr oder weniger erfolgreich versuchten, irgendwelche Sternenbilder zu erkennen – wir kamen über den großen und den kleinen Wagen von alleine nicht hinaus, den Rest zeigte uns Mones iPhone-App – legten wir uns im Himmelbett schlafen.

2 Comment

  1. Pia Bost says: Antworten

    Schön geschrieben!
    Fühle mich direkt wieder dabei und auf dem Weg 😉
    Es war für mich ein unvergesslicher Camino, den ich bisher zweimal gegangen bin und auch ein drittes Mal gehen könnte 😉

  2. Rainer says: Antworten

    Toller Bericht und schöne Fotos! Steigert die Vorfreude…… Witzig ist ja die Geschichte mit dem “Joos”, den habe ich natürlich auch! Und Fernanda ist ja fast ein “Muss”, passt leider bisher noch nicht in meine Etappenplanung 🙁
    Freue mich auf die nächsten Berichte!
    LG
    Rainer

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