Der Tag, als die Tourigrinos kamen (10. September, Redondela nach Pontevedra)

Die erste Nacht in Spanien und schon mussten wir eines feststellen: die Zeit der Ruhe ist vorbei. Die Nacht in Redondela war durchwachsen. Um fünf Uhr morgens beschlossen nämlich eine Truppe Italiener aufzubrechen. Erst quatschten sie ne halbe Stunde im Bett, das ungefähr eineinhalb Meter von meinem Bett entfernt war und natürlich auf gleicher Höhe. Nach typisch italienischer Manier (ich will hier natürlich keinen Vorurteile schüren) schnatterten sie nicht gerade leise, bevor sie ihren Kram zusammenpackten – ich muss an dieser Stelle wahrscheinlich nicht erwähnen, dass auch diese Truppe zu den Verfechtern der raschelnden Plastiktüten gehörten.

Nun gut, als sie endlich weg waren, war an Schlaf auch nicht mehr zu denken. Also machten wir uns auch relativ zeitig fertig. Durch die Stunde Zeitverschiebung wurde es allerdings erst später hell. Wir wollten ohnehin noch ausgiebig frühstücken, was wir auch wieder in der Kneipe vor der Herberge machten. Und bei unserem ersten Frühstück in Spanien wurde schnell klar, dass es in Portugal doch um einiges günstiger und besser war. Der Kaffee in Spanien ist einfach nicht ganz so stark wie in Portugal und auch die Auswahl an Teilchen ist dort eher dürftig. Trotzdem konnten wir nicht aufbrechen, bevor wir nicht mindestens zwei Tassen getrunken hatten.

Immer wieder liefen Leute am Café vorbei, die nur kleine Rucksäckchen trugen. Eigentlich kann man die Turnbeutel nicht mal als Rucksack bezeichnen.

Von Redondela nach Pontevedra mit Tourigrinos Camino

Wir drückten also jedes Mal, wenn wir solchen Aushilfspilgern über den Weg liefen, noch einmal auf die Tube und schossen mit unserem 12-Kilo-Gepäck an den Leuten vorbei. Das machte eine zeitlang auch Spaß.

Camino Portugues Redondela nach Pontevedra Waldweg

Man hat ja sonst nix zu tun, wenn man so durch die Gegend läuft. Der Weg war auch ganz hübsch. Es ging erst über Feldwege und durch Waldstücke. Und schnell hatten wir den Weg auch wieder für uns uns sahen keine Menschenseele mehr. Wir wussten auch, dass wir an diesem Tag noch das Meer sehen würden. Es war der erste Punkt seit dem Starttag, an dem man auf eine kleine Bucht trifft. Auf diesen Moment hatten wir uns schon seit einigen Tagen gefreut.

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Und es dauerte auch nicht so lange, bis wir besagte Bucht in Sicht hatten. Wir liefen einen Schotterweg hinunter und siehe da: Wasser. Natürlich musste dies erstmal auf Fotos festgehalten werden. Als wir dort so fotografierten, wurden wir von zwei uns bereits bekannten Gesichtern eingeholt. Britta und Co. nannten die beiden Bielefelder liebevoll Rot-Grün, was darauf zurückzuführen war, dass einer des Öfteren mit rotem Shirt und grüner Hose unterwegs und der Andere mit roter Hose und grünem Shirt. Eigentlich hießen die Beiden Gabriel und Sebastian und wir waren ihnen seit Ponte de Lima immer wieder über den Weg gelaufen. Da die Jungs nicht so lückenlos vorbereitet waren, wie wir, hatten sie eine ungewöhnliche Bitte, als wir da so herum fotografierten. Sie hatten nämlich keine Kameras dabei und so sollten wir sie fotografieren. Das taten wir auch. (Falls ihr das hier lest: meldet Euch doch, dann bekommt ihr das Bild).

Nach dem schönen Ausblick auf die Bucht, kam ein weniger schöner Teil des Caminos. Wir machten Bekanntschaft mit der N550, einer ziemlich stark befahrenen Landstraße, die einen wirklich krassen Kontrast zur bisherigen Route darstellte. Anstatt den Duft der Eukalyptusbäume in den Wäldern mussten wir dort nämlich Abgase von den vorbeirauschenden Autos schnuppern.

Zum Glück konnten wir, nachdem durch ein Dorf gelaufen waren, die Straße wieder verlassen der Weg führte uns über eine tolle, römisch anmutende Brücke wieder in die Wildnis.

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Über Stock und Stein ging es dann einen Hügel hoch. Wieder waren wir ganz alleine auf dem Weg und genossen die Ruhe abseits der Straße.

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Was mir an diesem Tag besonders auffiel: In den Gärten der Privathäuser standen komische Gebilde aus Stein. Irgendwie erinnerten diese mich an Gräber, was allerdings ein wenig unpraktisch wäre in der Hitze Spaniens. Von-Redondela-nach-Pontevedra-Camino-Portugues3Also fragte ich nach einer Weile in meine unendlichen Naivität: “Du Mone, warum haben denn die Spanier alle Massengräber in ihren Gärten?”. Ich meinte diese Frage auch tatsächlich einigermaßen ernst. Mone konnte sich das Lachen allerdings nicht verkneifen und erklärte mir, dass diese “Massengräber” eigentlich Hórreos hießen und nicht etwa als letzte Ruhestätte der Hausbewohner dienten, sondern als Kornspeicher. Ich kann das Wort Hórreo übrigens bis heute nicht aussprechen, ich sage immer Huerrero (hab’s schon gegooglet, das Wort gibt es gar nicht). Aber genug davon.

Der Tag war bisher zwar ganz gut, es fehlte allerdings eines zu unserem Glück. Wir hatten noch keine richtige Gelegenheit, uns mal in eine Bar zu setzen. Normalerweise hätten wir schon mehrmals Pause gemacht, da kam es uns also ziemlich gelegen, dass wir plötzlich Schilder am Wegesrand sichteten.

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Erstaunlicherweise verstanden wir nämlich tatsächlich, was dort geschrieben stand. Auf Deutsch lockte man Pilger mit Kleinen Häppchen, Obst und frischen Getränken zu einem kleinen Verkaufsstand. Natürlich nahmen einige deutsche Mitpilger dieses Angebot gerne an. Wir hatten es allerdings auf eine kleine Bar abgesehen, die einige Meter hinter dem Laden lag. Wir wollten schließlich ein wohlverdientes Bierchen trinken.

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Und so steuerten wir schnurstracks auf die Bude zu und belohnten uns mit einem leckeren Gerstensaft. Wir saßen unter Kiwisträuchern und ruhten uns erstmal aus. Immer wieder liefen Pilger an uns vorbei. Jeder hatte es eilig, denn alle wollten ein Bett in der Herberge haben. Wir wussten schon von vornherein, dass wir im Hotel schlafen würden. Mone war schon beim letzten Mal an der Herberge vorbeigelaufen, denn diese liegt doch etwas außerhalb des wirklich sehr schönen Zentrums von Pontevedra. Also ließen wir uns an diesem Tag Zeit und wanderten ganz gemächlich zu unserem Tagesziel.

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Wir schauten auf dem Weg in das Stadtzentrum noch an der Herberge vorbei, wo natürlich schon alle Leute, die wir kannten eingecheckt hatten. Obwohl noch etwas frei gewesen wäre, gingen wir weiter. In der Stadt suchten wir die Tourismus-Info und fragten nach einem einfachen Zimmer. Lustigerweise wurde uns genau das Hotel empfohlen, in dem Mone damals mit ihrem Vater übernachtet hatte. Es lag in der Altstadt und damit mittendrin. Das Zimmer war völlig ok, wir hatten lediglich ein Problem. Das Schloss war kaputt und als wir rausgehen wollten um etwas zu essen, konnten wir die Türe nicht abschließen. Das ganze Spektakel dauerte etwas zu lange und wir hatten Bärenhunger, als wir endlich aus dem Hotel konnten. Blöderweise hatten wir aber ausgerechnet während der Siesta Hunger und suchten die halbe Stadt nach etwas Essbarem ab. In unserer Verzweiflung wären wir fast zu McDonalds gegangen, fanden dann aber doch ein Café, das Essen servierte. Das Essen war zwar nicht allzu toll, dafür dauerte es nicht lange, bis wir Gesellschaft hatten. Die Truppe aus der Herberge hatte sich nämlich inzwischen auch in der Stadt eingefunden und auch sie suchten ein Restaurant. Also aßen wir alle zusammen. Das war dann wohl die Geburtsstunde der “Camino Gang”, denn wir trafen uns immer irgendwie wieder.

Die Camino Gang in Pontevedra

Inzwischen war es auch schon später Nachmittag und wir wollten eigentlich noch duschen, bevor wir uns abends einen schönen Platz in der Altstadt suchten, um den Abend ausklingen zu lassen. Also verabschiedeten wir uns von den Anderen. Sie mussten ja zeitig wieder in der Herberge sein und bereuten es schon ein wenig, sich nicht auch ein Hotelzimmer genommen zu haben. Wir verabschiedeten uns also und gingen wieder ins Hotel. Mone hatte in der Zwischenzeit einige Nachwehen von dem Essen bekommen. Ihr war etwas übel, was wohl darauf zurückzuführen ist, dass die Spanier ihr Hackfleisch in Burgern offenbar nicht gerne ganz durchgebraten essen. Für Mone war das Fleisch dann doch zu roh und ihr Magen rebellierte. Was macht man also dagegen? Klar, man trinkt n “Aufräumer”. Veterano war das Getränk ihrer Wahl und da musste ich natürlich aus Solidarität einen mittrinken. Dazu gab’s eine garantiert salmonellenfreie Käseplatte. So endete der Abend in der schönen kleinen Altstadt von Pontevedra doch noch ganz versöhnlich und Mones Bauchschmerzen schwanden auch mit jedem Schluck.

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