Der taube Jim und die Blasen – Von Rates nach Barcelos (4. September 2012)

Die Nacht in Rates war soweit ok, lediglich der Straßenlärm war etwas störend und wir haben festgestellt: die kleine Dorfstraße vor der Herberge mutierte nachts zur beliebten Rennstrecke beim großen Preis von Rates .

Gut, dafür wars relativ sauber, geräumig und wir hatten das Glück, nicht mit dem fiesen Schnarcher in einem Raum schlafen zu müssen. Den haben Silas und Kilian abbekommen, weshalb wir morgens einen ziemlich geräderten jungen Mann auf einer viel zu kurzen Yogamatte liegend im Flur vorgefunden haben. Der Kaffeedurst morgens war schon ziemlich groß – wie immer eigentlich – und da wir in der Herberge nunmal keine Kaffeemaschine hatten, wollten wir uns nur schnell fertig machen und dann aufbrechen, um das nächste Café zu suchen. Wir hatten da aber die Rechnung ohne einen gewissen US-Amerikaner gemacht, der sich bereits am Vortag als Jim, “Deaf Jim” vorgestellt hatte. Und dieser Mann war wirklich nicht zu überhören, denn da er kaum etwas hörte, sprach er ziemlich laut und – wie es sich für einen typischen “Ami” gehört, auch noch sehr viel.

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Wir fanden Jim im Garten, als wir gerade unsere Füße mit Hirschtalg bearbeiten wollten. Wie wild turnte er dort herum, nutzte große Pflastersteine um Kugelstoßen zu machen, musterte seinen Stock hinsichtlich seines Potentials, als Speer herzuhalten und machte Liegestütz im Herbergsgarten. Darüber hinaus unterhielt er die komplette Herberge, fachsimpelte mit der Truppe Brasilianer über ihre Mountainbikes und betonte immer wieder, er sei ein “bike guy” und läutete die Glocke, die vor dem Gebäude hing, um auch die restlichen Pilger aufzuwecken.

Je länger er da so rumhampelte, desto mehr beschlich mich das Gefühl, wir würden den guten Mann heute noch öfter sehen und tatsächlich schien er auf uns gewartet zu haben, denn als wir aufbrachen stiefelte er uns schnurstracks hinterher.

 

Wir steuerten natürlich das erste Café an und auch Jim erfreute sich unserer Gesellschaft beim gemeinsamen café com leite (ich kann’s übrigens bis heute nicht richtig aussprechen). Frisch koffeiniert begaben wir uns dann auf den Weg. Der erste Abschnitt war schon wirklich sehenswert. Wir gingen durch Maisfelder, hinter welchen uns die aufgehende Sonne entgegenlachte und durch zart durftende Eukalyptuswälder. Jim zeigte sich dabei besonders von der handwerklichen Geschicklichkeit der Portugiesen angetan. Bei jeder Mauer hielt er an, bestaunte sie und schloss seine Betrachtung mit dem Satz ab: “that is beautiful”. Spätestens seit diesem Tag werden für uns Jim und Cat Stevens untrennbar miteinander verbunden sein: stundenlang sang, summte, trällerte und flötete er ein und dasselbe Lied: “Where do the children play?”

So kamen wir zwar nicht schnell, dafür aber sehr gut unterhalten gegen Mittag in Pedra Furada an. Der Ort lag etwa auf halbem Weg und soll laut Reiseführer eine nette Bar mit einem ziemlich bekannten Wirt beheimaten. Blöd nur, dass Antonio grade an diesem Tag nicht da war. Trotzdem haben wir uns erstmal einen eiskalten Eistee und tostada (einfach nur getoastetes Brot) mit Schinken und Käse gegönnt. Als wir in der Bar ankamen, waren schon zwei bekannte Gesichter aus Rates dabei. Es stellte sich heraus, dass die beiden Damen aus Portugal kamen. Die Schinken-Käse-Toasts haben wir uns eigentlich bei den Beiden abgeschaut. Kurz nach uns kamen dann noch zwei ältere Frauen aus Quebec, die schon beim Betreten der Bar mit ihrer guten Laune begeisterten. Auch die Beiden versuchten auf Französisch bei der portugiesischen Barfrau etwas zu bestellen und einigten sich schließlich kurzerhand darauf, auch einfach einen Toast zu ordern, indem sie auf unsere Teller zeigten.

Nach einer kurzen Pause setzten wir unseren Weg dann aber fort. Die Mittagshitze machte uns etwas zu schaffen, aber die größten Probleme hatte wohl Jim. Er hatte Blasen an den Füßen und kam in Pedra Furada auf die glorreiche Idee, mit Flip Flops weiterzulaufen. Dieser Versuch scheiterte natürlich gnadenlos und so musste er nach wenigen hundert Metern wieder in seine Wanderschuhe wechseln.

Mit letzter Kraft schleppten wir uns nach Barcelos, wo wir die erste Apotheke ansteuerten, in welcher Jim den armen Mann an der Kasse verrückt machte. Das viele Kopfsteinpflaster, auf dem wir ab Pedra Furada laufen mussten, gab ihm nämlich den Rest und er brauchte dringend Blasenpflaster. Bis der Apotheker das  verstanden hatte, hatte er Jim schon das halbe Sortiment präsentiert, was eben dieser mit gesteigertem Interesse verfolgte.

 

 

 

Umso glücklicher waren wir alle dann, als wir nur noch durch die schnuckelige Altstadt zur privaten Herberge laufen mussten. Diese war nagelneu, hatte allerdings nur acht Betten und, wie es der Zufall so wollte, waren noch genau drei Plätze frei. Das Zimmer, das ohnehin schon supereng war, sollten wir uns dann aber mit drei griesgrämigen Italienern teilen. Als wir den Raum betraten, dachte ich erstmal: gut, drei Männer, die nicht mit uns reden wollen. Das kann ja was werden… Verzweifelt wollten wir noch ins zweite Zimmer gucken, das war aber bereits belegt. Und wer guckte uns wohl mit großen Augen an, als wir die Tür öffneten? Klar, Kilian und Silas waren bereits Stunden zuvor in Barcelos angekommen. Die Beiden waren schon ziemlich gut ausgeruht und überlegten tatsächlich, noch neun Kilometer weiterzulaufen. Da schellten bei Mone und mir die Alarmglocken, denn für uns war schnell klar: wenn die Jungs abhauen, krallen wir uns das Zimmer. Und nach einigen ganz subtilen Hinweisen wie: “das schafft ihr schon”, “dann müsst ihr morgen nicht so viel laufen” etc. entschlossen sich die beiden Supersportler doch tatsächlich dazu, noch weiterzulaufen. Zack, das Zimmer war unseres! Kurz bevor wir in das gemütliche Privatzimmer umgezogen waren, kamen auch noch die beiden Portugiesinnen in der Herberge an. Einer der Beiden ging es gar nicht gut. Wir unterhielten uns kurz und es stellte sich heraus, dass sie bereits am ersten Lauftag von Porto nach Rates zu wenig getrunken hatte und dehydriert war. Dass das offenbar gar kein Spaß war, konnte man gut an ihr erkennen, denn ihr war ständig übel und sie klagte über Kopfschmerzen. Dankbar schnappten sich die Beiden dann die leergewordenen Betten im Italienerzimmer. Inzwischen hatte sich auch herausgestellt, dass die drei Italiener zwei Männer und eine Frau waren – gut, manchmal täuscht man sich halt, änderte aber nichts an den gegenseitigen Un-Sympathien. Das waren aber auch komische Typen! Bis auf einen Ausflug in die Dusche verbrachten sie den ganzen Tag und Abend murrend auf dem Zimmer. Abends wollten wir zusammen mit Jim essen und beschlossen, ein wenig Käse, Oliven und noch andere Leckereien zu besorgen und es uns in der Herberge auf der Terrasse gemütlich zu machen. Gesagt getan, also saßen wir irgendwann zu dritt draußen, schlemmten und tranken Wein. Jim erzählte von seinem Leben – nicht, dass wir nicht schon das Meiste auf dem Weg gehört hatten – und seinen Motiven, sich auf den Jakobsweg zu begeben. Anscheinend steckte in dem ständig lauten und durchwegs plappernden Ami doch ein eher unsicherer Mensch. Das jedenfalls sagte er selbst im Verlaufe des Gesprächs und erzählte von seinem doch sehr bewegten und zuletzt von von Höhen und Tiefen geprägten Leben. Und plötzlich war der laute und hibbelige Mann ganz entspannt und ruhig. Offensichtlich begann jetzt auch so langsam sein ganz persönlicher Camino.

Nach dem Essen verabschiedete sich Jim, denn er wollte ein Nickerchen machen. Mone und mir war das ganz recht, denn wir hatten ohnehin vor, uns noch mit einem Fläschchen Wein an den Fluss zu setzen, auf die beleuchtete Stadt zu gucken und den Abend in Ruhe ausklingen zu lassen. Das taten wir dann auch, bis der Wein alle war.

Als wir wieder zur Herberge zurückkamen, schliefen bereits alle und selbst die Terrasse war für uns keine Option mehr zum Sitzen, denn Jim hatte es sich draußen auf einer herausgeholten Matratze gemütlich gemacht und schnarchte schon.

Also beschlossen wir die zweite Flasche, die schon ordentlich vereist im Kühlfach gelegen hatte, vor der Herberge zu trinken, wo wir prompt von einem Portugiesen angesprochen wurden, der eine Weile in München gelebt hatte und eine lustige Mischung aus bayerisch und portugiesisch sprach. Als er uns zum dritten Mal erzählt hatte, dass Marihuana zu rauchen gar nicht schlimm sei, solange man es mit Respekt macht, war dann glücklicherweise auch die Flasche leer. Gegen Mitternacht konnten wir, oder zumindest eine von uns, “knülle wie ein Knüllerich” in den Schlafsack schlüpfen.

1 Comment

  1. […] hatten wir von den beiden Portugiesinnen in Barcelos, die ihren Camino bereits am zweiten Tag wegen Überanstrengung abbrechen mussten, ein kleines […]

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