Eine Grenze, ein Dornbusch und ein wenig Schmu (9. September, Valença nach Redondela)

Erst wenige Tage auf dem Camino und schon mussten wir Portugal wieder verlassen. Und so machten wir uns früh auf um noch ein letztes Mal unser heiß geliebtes Kaffee-Croissant-Frühstück einzunehmen.

Das letzte Frühstück in Portugal

Kaum hatten wir uns hingesetzt stapften auch schon die drei Damen aus Großbritannien – oder genauer Stratford-upon-Avon (ja, genau, da kommt ja auch der Willy Shakespeare her) – an uns vorbei. Es gab großes Gelächter, da wir kaum fünf Minuten von der Herberge zum Café gelaufen waren. Die Supersportlerinnen wollten natürlich gleich weiter, beschlossen aber dann doch, auch erstmal zu frühstücken und gesellten sich zu uns.

Nach einem kurzen Pläuschchen und dem ein oder andere Kaffee gingen wir dann doch noch los. Schließlich gab es eine Grenze zu überqueren und ich sollte das erste Mal in meinem Leben spanischen Boden betreten – ja, ich weiß, es ist kaum zu glauben. Also liefen wir die letzten paar Meter in Portugal und kamen zur Grenze – einer Brücke.

Die Grenze in Valença, Portugal

Natürlich mussten wir das ausführlich dokumentieren und so machten wir eifrig Fotos. Vor der Brücke, auf der Brücke, hinter der Brücke.

Mone auf der Brücke Richtung Spanien

Der Blick auf Tui

Und dann kam es: das “Willkommen in Spanien”-Schild.

Spanien

Das musste ich einfach fotografieren – und das natürlich aus jeder nur denkbaren Perspektive. Ein Schritt von der Straße und dann passierte es. Ich trat in ein Loch und spürte nur noch, wie ich vom Gewicht des Rucksacks in ein Gestrüpp gedrückt wurde. Hinter dem Gestrüpp war ein Abhang, der erst im Fluss enden sollte. Ich hatte Glück – und auch wieder nicht. Der Busch bewahrte mich vor dem kühlen Nass. Leider aber handelte es sich bei den Pflanzen um dornige Dinger, die meinen nackten Beinen beim Aufprall leider ganz schön zusetzten. Als ich mich endlich wieder gefangen hatte und aufstehen konnte, wurde das ganze Übel sichtbar. Meine Schienbeine und Hände waren völlig zerkratzt. Aber die Kamera, die hielt ich sicher in meinem nach oben gestreckten Arm fest. Übrigens eines der wenigen Körperteile, welches ohne Schrammen davon kam.

Sarahs zerkratzte Beine

Glücklicherweise hatten wir von den beiden Portugiesinnen in Barcelos, die ihren Camino bereits am zweiten Tag wegen Überanstrengung abbrechen mussten, ein kleines Fläschchen Desinfektionsmittel bekommen. Damit machten wir erstmal die Wunden sauber, aber die seelische Belastung war groß und ich schwer angeschlagen. Also mussten wir auch mich erstmal wieder beruhigen. Wir liefen ein paar Meter und kehrten bei der nächsten Bar ein. Da half nur ein köstliches Estrella Galicia. Dass es grade mal 10 Uhr morgens war, spielte nach dem ganzen Drama eine untergeordnete Rolle.

Estrella Galicia

Ich fing mich nur langsam und wir verloren viel Zeit. Mone war schonmal in Tui und wusste, dass es dort eine private Herberge gab. Diese hatte eine weitere Zweigstelle in Redondela, unserem Tagesziel. Wir fanden die Herberge zwar, aber irgendwie klappte das mit dem Reservieren der Unterkunft nicht. Dafür trafen wir aber Christine aus Belgien. Sie war nur die paar Meter von Valença nach Tui gelaufen und beschloss, dort ihren Weg zu beenden. Sie konnte körperlich einfach nicht mehr und war sehr traurig. Trotzdem mussten wir uns schnell wieder von Christine verabschieden, da wir den Bus bis Porriño nehmen wollten. Der Weg bis dorthin war nämlich alles andere als schön. Es erwartete einen lediglich ein Industriegebiet. Außerdem mussten wir ja nach meinem dramatischen Unfall wieder ein wenig Zeit gutmachen.

Die Bushaltestelle war zwar schnell gefunden, der nächste Bus sollte aber erst in zwei Stunden kommen. Da mussten wir nun also in den sauren Apfel beißen und warten. Inzwischen war es auch schon Mittag und wir setzten uns (wieder einmal) in ein Café. Dort aßen wir eine Kleinigkeit und tranken Kaffee. Leider verging die Zeit aber nur schleppend und wir wollten eigentlich weiterlaufen. Irgendwann hatten wir es aber doch geschafft, stiegen in den Bus und ließen uns zehn Kilometer weiter bringen. In Porriño angekommen, mussten wir uns erstmal orientieren, wussten aber schon dort, dass wir nicht den ganzen Weg bis Redondela laufen können, da es einfach schon viel zu spät war. Also suchten wir uns ein Taxi und ließen uns ein paar Kilometer nach Mos fahren. Pfui, verabscheuten wir doch niemanden mehr als Tourigrinos und Taxipilger!

Mos ist ein kleines Dorf, durch das der Jakobsweg führt. Man kann sich dort nicht verlaufen, was uns sehr gelegen kam. Außerdem sahen wir auch schon bekannte Gesichter, kurz nachdem wir aus dem Taxi ausgestiegen waren. Die drei Deutschen um Antonio liefen vor uns und wir hatten sie schnell eingeholt. Sie waren natürlich die komplette Strecke gelaufen und wir waren noch viel zu ausgeruht. Also hatten wir sie nach wenigen Metern überholt. Wir liefen wie besessen. So schnell waren wir vermutlich die ganze Reise über an keinem anderen Tag. Irgendwann wurden wir von einem Ehepaar eingeholt – natürlich auch Deutsche. Wir liefen mit Gitti und Klaus weiter. Sie waren unglaublich gut trainiert, da sie auch in ihrer Heimat Baden-Württemberg viel wandern. Und dort gibt es, wie wir wissen, mehr Berge als etwa im Ruhrgebiet. Wir konnten nur mithalten, da wir ausgeruht und noch auf Adrenalin waren.

Auf dem Weg nach Redondela

Es war auch gut, dass wir so schnell nach Redondela gerannt waren. Als wir an der Herberge ankamen, waren nur noch wenige Betten frei. Wir schnappten uns Plätze oben und mussten erstmal das Bett notdürftig mit unseren Packbändern reparieren. Hätten wir die Betten nämlich nicht zusammengebunden, wäre Mone einfach umgekippt beim Hochklettern. Nachdem wir unsere Plätze bezogen hatten, wollten wir zuerst unser Ankunftsbierchen trinken. Glücklicherweise war schräg gegenüber der Herberge eine Bar mit einem freundlichen Wirt, der uns ein schönes Bocadillo zum Estrella Galicia servierte. Wir wollten aber auch später noch etwas essen gehen und zwar in ein richtiges Restaurant, also beschlossen wir, erstmal die lästigen Pflichten wie Duschen usw. zu erledigen. Dann kamen auch schon die drei Deutschen zur Herberge. Sie hatten Glück und bekamen die letzten Betten.

Wir wollten dann aber auch wirklich los zum Essen. Kaum waren wir zur Tür raus, sahen wir schon wieder Bekannte in der kleinen Bar gegenüber der Herberge. Es war tatsächlich Sabrina mit Sonja aus Hamburg. Sie winkten uns freudig zu und so mussten wir uns natürlich dazu setzen und ein Bierchen trinken. Schließlich hatten wir Sabrina seit Rates nicht mehr gesehen und auch nicht daran geglaubt, sie bis Santiago wieder zu treffen. Und da saß sie plötzlich-  die Freude war groß. Ich muss an dieser Stelle vermutlich nicht mehr erwähnen, dass wir an diesem Abend kein Restaurant mehr von Innen gesehen haben. Wir blieben in der Bar und aßen dort eine Kleinigkeit. Wir hatten uns schließlich viel zu erzählen.

Redondela auf dem Camino Portugues

Leave a Reply