Letzter Tag in Portugal (8. September, Rubiães nach Valença)

Die letzte Etappe in Portugal wartete heute auf uns. Etwas Wehmut war schon dabei, denn das Land und seine Bewohner waren uns inzwischen ziemlich ans Herz gewachsen. Vor allem aber hat es uns der Café com Leite angetan – schön starker Espresso mit einem guten Schuss heißer Milch. Bevor wir nicht drei oder vier Tassen des köstlichen Heißgetränks intus hatten, konnten wir meist garnicht erst starten. Das hat uns auch unter den Mitpilgern einen bestimmten Ruf eingebracht: die Genusspilger. Man sah uns meist in irgendeinem Café sitzen und Kaffee schlürfen. Das ist schön und lecker und von daher legitim.

Beim Start in Rubiães aber bekamen wir erstmal ein Hotelfrühstück. Der Kaffee war nicht genau das, was wir gewohnt waren und auch die portugiesische Wurst ist etwas für Hartgesottene. Da wir uns nicht gerade als solche bezeichnen würden, beschränkten wir uns auf ein spartanisches Käse-Marmelade-Frühstück und wollten natürlich sofort die erste Bar ansteuern, die unser gewohntes Pilgerfrühstück servieren sollte: Café com Leite mit einem Croissant. Also schauten wir diesmal, dass wir relativ früh rauskamen und verabschiedeten uns von den anderen Mädels.

Die erste Bar war laut Pilgerbibel – nein, nicht der Joos – nicht weit. Herr Brierly hat dankenswerterweise jede Einkehrmöglichkeit mit einem Kaffee-Zeichen auf seinen Karten markiert. Also ging es schnurstracks in den Ort zum nächsten Café. Dort angekommen, sahen wir bereits bekannte Gesichter. Eine Truppe Italiener war bereits dort eingekehrt und unterhielt sich lautstark an der Theke über ihrem Espresso. Uns beachtete erstmal niemand. Auch nicht der Wirt. Wir versuchten zu bestellen, keine Chance. Nach ein paar Minuten – gut, Geduld ist weder Mones noch meine Tugend – verließen wir entnervt die Bar und beschlossen, weiter zu laufen. Es musste doch noch eine weitere Möglichkeit geben, einen Kaffee zu bekommen!

Also machten wir uns auf den Weg. Es ging durch kleine verschlungene Wege über Wiesen und durch ein Wäldchen. Natürlich dauerte es nicht lange, bis uns die Italiener aus der Bar eingeholt hatten. Sie waren schon am Vortag bergauf zum Portela Grande an uns vorbeigerannt. Dieses Mal aber hatten wir die Wut über einen verpassten Kaffee in den Beinen und so wollten wir unbedingt vor der Truppe bleiben.

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Wir rannten also vorneweg und schafften es tatsächlich, die Gruppe auf Abstand zu halten. So ging das etwa zehn Kilometer lang – das waren wohl auch die schnellsten zehn Kilometer unseres gesamten Caminos. Dann endlich: die nächste Bar tauchte vor uns auf. Dort saßen bereits die Ladies, von denen wir uns noch im Hotel verabschiedet hatten und freuten sich, dass wir zwei Bar-Damen auch endlich angekommen waren. Wie die es vor uns dort hin geschafft hatten ist mir bis heute noch schleierhaft.

Also taten wir das, was wir am besten können und bestellten uns erstmal einen schönen Kaffee und nahmen unser wohlverdientes zweites Frühstück ein. Natürlich waren wir wie immer so langsam, dass alle anderen schon vor uns aufbrachen. Nur eine Belgierin, die wir am Abend zuvor kennengelernt hatten, ließ sich Zeit für ihren Weg. Sie konnte aber auch nicht anders, da sie schlimme Probleme beim Gehen hatte. Wir sollten uns aber schon bald wieder treffen.

Der Weg war abwechslungsreich. Es ging durch duftende Eukalyptuswälder, über alte Römerwege und an abgebrannten Wiesen entlang in Richtung Grenzstadt.

Camino Portugues; Portugal; Valenca

Der gelbe Pfeil ist immernoch da

Als wir Valença erreichten, sahen wir schon andere Pilger vor uns laufen, die uns merkwürdigerweise den ganzen Tag nicht begegnet waren. Die drei Britinnen überholten uns ebenfalls schnellen Schrittes. Wir sollten die Damen noch des öfteren sehen, aber dieses Mal sahen wir nur noch ihre Kondensstreifen, als sie uns überholt hatten. Manche Dinge sind einfach unerklärlich auf diesem Camino – Leute verschwinden plötzlich im Nichts oder tauchen urplötzlich aus eben diesem wieder auf. Unterwegs auf dem Weg trifft man meist stundenlang keine Menschenseele, als wäre man ganz alleine unterwegs nach Santiago.

Valença ist nicht mehr weit

Irgendwann kamen wir in städtisches Gebiet. Wir suchten die Herberge, die an einer Kreuzung liegt – so viel wusste Mone noch. Kurz bevor wir die Herberge erreichten, trafen wir auf bekannte Gesichter. Britta, Susann, Regina und Elke aus dem Hotel hatten sich gerade vor einem Supermarkt in den Schatten gesetzt und freuten sich sichtlich, uns zu sehen. Und das beste an dem Treffen war: die Vier hatten gerade Kuchen gekauft. Lustigerweise waren sechs Stücke in der Verpackung. Also machten wir erstmal eine Kuchenpause – fast wie die Golden Girls. Nicht lange nach uns tauchte noch ein Bekannter auf: Deaf Jim. Er sah wie immer abgekämpft aus und war froh, auf uns zu treffen und wollte sich uns anschließen, um einen Schlafplatz zu finden. Die Mädels wollten allerdings noch an diesem Tag weiter nach Tui – also über die Grenze nach Spanien.

Wir gingen also zu sechst los, liefen aber nur wenige hundert Meter zusammen. An einer Kreuzung bogen Mone und ich ab und verabschiedeten uns von Britta und Co. Eigentlich dachten wir, Jim würde mit uns kommen. Er lief aber unverdrossen den anderen hinterher und verstand anscheinend nicht so ganz, dass wir nicht weitergehen würden. Ihn sollten wir an diesem Tag zum letzten Mal sehen.

Weil sich uns aber keiner anschloss, gingen wir alleine in Richtung Herberge. Sie befindet sich tatsächlich an einer Kreuzung, am Fuße der Festung, in der die Altstadt liegt. Da wir ohnehin dachten, die Herberge würde erst um 17 Uhr öffnen – so stand das in der Pilgerbibel (nein, immernoch nicht Joos) – hatten wir keine Eile. Auf der Wiese vor dem Gebäude lagen auch schon andere Pilger herum und erholten sich von ihrer Wanderung. Ein paar findige Leute hatten sofort bemerkt, dass die Tür der Herberge nicht abgeschlossen war und so gingen schon einige rein. Auch wir gingen ins Gebäude und sicherten uns schonmal unseren Schlafplatz.

Das Wetter war großartig, im Garten der Herberge ließ es sich wunderbar aushalten und der Körper konnte sich von den Strapazen des Tages erholen. Plötzlich kamen zwei Pilger auf die Herberge zugelaufen und sprachen uns über den Gartenzaun an. Wo es denn hier nach Ponte de Lima gehen würde. Da wollten die zwei nämlich noch hin. Er und sie waren ganz offensichtlich schon eine ganze Weile unterwegs – die beiden waren über den Camino del Norte und schließlich den Camino Primitivo in Richtung Santiago gelaufen, hatten noch einige Wochen Zeit und wollten bis nach Fatima im Süden Portugals. Über den Camino Primitivo hatten wir schon so einiges gehört. Dieser knapp 370 km lange Weg gilt als der älteste aller Jakobswege und führt durch die wunderschöne Bergwelt Asturiens von Ovideo bis nach Santiago in Galicien. Landschaftlich zwar sehr reizvoll aber auch sehr einsam soll er sein, das hatten uns unterwegs immer mal wieder andere Pilger erzählt. Die beiden “Rückwärtspilger” konnten das auch nur bestätigen: sie hatten 14 Tage lang kaum einen Menschen unterwegs getroffen und auch nur wenige Male nicht alleine in einer Herberge genächtigt. Das war für uns auf dem Caminho Portugues gerade ziemlich unvorstellbar. Wir schickten die beiden in die richtige Richtung und wünschten uns gegenseitig noch eine gute Reise.

Es war schön, Zeit zu haben und so machten wir uns zuerst auf den Weg zum nahegelegenen Supermarkt. Mone wusste bereits, dass es ganz in der Nähe einen richtigen Super-Laden gab, mit echter Fleisch- und Käsetheke und allem Schnickschnack, den man sich nur vorstellen konnte. Also war für uns sofort klar: wir kochen. Und was? Klar, endlich mal keine Kartoffeln, denn davon hatten wir inzwischen echt genug. Wir beschlossen also, Spaghetti zu kochen. Also beeilten wir uns, damit wir noch vor den anderen in der ganz guten Küche der Herberge kochen konnten. Das klappte auch ganz gut. Dank Mones Ortskenntnis hatten wir nämlich einen kleinen Vorsprung und waren die ersten am Herd. Wir machten also unsere beste Rotwein-Bolognese mit richtigem Parmesan und allem Drum und Dran.

Mone und DIE Rotweinbolognese

Schnell fand sich auch jemand, der mit uns aß.  Es war Christine aus Belgien. Sie war eigentlich mit Britta und Co. unterwegs, hatte aber so schlimme Probleme mit dem Laufen, dass sie zurückfiel. Sie war froh, am Abend doch noch bekannte Gesichter zu sehen.
Zwischenzeitlich wurde es richtig voll in der Herberge und es waren neben vielen bekannten auch einige unbekannte Gesichter dabei. Ein junges Pärchen Anfang zwanzig sprach uns schließlich an und bat um detailliertere Informationen zu diesem “Jakobsweg” – wo er startet, wie der Streckenverlauf ist und wie lange man wohl so unterwegs ist. Die beiden hatten relativ spontan einen Urlaub am Meer gecancelt und waren mit Flip-Flops und ohne richtige Ausrüstung unterwegs. Auch die beiden sahen wir nie wieder – vermutlich haben sie morgens den ersten Bus zurück an die Küste genommen.

Das Abendessen mit Christine war urgemütlich. Wir saßen auf der Terrasse vor der Herberge und genossen den lauen Sommerabend. Später wollten wir uns noch die Festung von Valença ansehen. Wir hatten uns schon ein Fläschchen Vinho Verde besorgt um uns noch einmal standesgemäß von Portugal zu verabschieden. Christine wollte uns nicht begleiten, da sie schon viel zu müde war. Also machten wir uns zu zweit auf den Weg in die Altstadt. Es war mir vorher nicht bewusst, dass die Festung um die Stadt so beeindruckend und groß ist.

Also ließen wir den Abend auf der Festungsmauer ausklingen –  mit Blick nach Spanien und auf den Fluss, der Valença und Tui voneinander trennt und damit die Grenze zwischen den beiden Ländern bildet. Gesellschaft leisteten uns nur zahlreiche Fledermäuse, die in dem alten Gemäuer hausen.

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